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ADHS bei Erwachsenen: Anzeichen, Diagnose und Behandlung

ADHS bei Erwachsenen: Anzeichen, Diagnose und Behandlung

Emotral-Redaktion

ADHS betrifft nicht nur Kinder. Anzeichen von Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität bei Erwachsenen, der Unterschied zu gewöhnlicher Zerstreutheit, Migration, Diagnose, Behandlung und praktische Alltagsstrategien.

„Ich schiebe immer alles bis zur letzten Minute auf.“ „Ich falle anderen ständig ins Wort.“ „Ich fange zehn Dinge gleichzeitig an und beende keines.“ Die meisten von uns haben so etwas schon einmal über sich gesagt. Für manche Menschen sind das aber keine vorübergehenden Momente, sondern ein Muster, das sie seit der Kindheit begleitet und sie im Beruf, in der Ausbildung und in Beziehungen viel kostet. Dieses Muster kann ein Anzeichen für eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung bei Erwachsenen sein, kurz ADHS.

In diesem Artikel erklären wir, was ADHS bei Erwachsenen ist, woran man es erkennt, wie es diagnostiziert wird und welche Behandlungen es gibt.

Was ist ADHS bei Erwachsenen?

ADHS ist eine neurologische Entwicklungsstörung: Es geht darum, wie sich das Gehirn entwickelt und arbeitet, nicht um Faulheit, mangelnde Disziplin oder falsche Erziehung. ADHS beginnt in der Kindheit, bleibt bei vielen Menschen aber bis ins Erwachsenenalter bestehen. Internationale Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 2 bis 3 Prozent der Erwachsenen ADHS-Symptome haben.

Viele Erwachsene, die heute eine ADHS-Diagnose erhalten, wurden als Kind nie untersucht. Gerade in Familien und Schulen, in denen wenig über ADHS bekannt war, galten diese Kinder oft als „verträumt“, „unruhig“ oder „klug, aber faul“.

Anzeichen von ADHS bei Erwachsenen

Die Symptome von ADHS lassen sich zwei Hauptgruppen zuordnen. Manche Menschen haben vor allem Anzeichen aus der ersten Gruppe, manche aus der zweiten und manche aus beiden.

1. Unaufmerksamkeit

  • Schwierigkeiten, Aufgaben abzuschließen, besonders die letzten Schritte und Details
  • Vergessen von Terminen, Rechnungen, Nachrichten und Verpflichtungen
  • Ständiges Verlegen von Dingen wie Schlüssel, Geldbörse oder Handy
  • Ablenkung durch das kleinste Geräusch oder den kleinsten Gedanken
  • Aufschieben von Aufgaben, die längere Konzentration erfordern
  • Schwierigkeiten beim Organisieren, Planen und Einschätzen von Zeit

2. Hyperaktivität und Impulsivität

Bei Erwachsenen zeigt sich Hyperaktivität selten als Herumrennen und Klettern. Häufiger sieht sie so aus:

  • Innere Unruhe und Schwierigkeiten, in Besprechungen still zu sitzen
  • Ständiges Zappeln mit Händen oder Füßen
  • Anderen ins Wort fallen oder ihre Sätze beenden
  • Spontane Entscheidungen oder Käufe, die später bereut werden
  • Ungeduld in Warteschlangen, im Stau oder beim Warten

Anzeichen, über die seltener gesprochen wird

Viele Erwachsene mit ADHS berichten auch von anderen Erfahrungen: schnell wechselnden Gefühlen, starker Empfindlichkeit gegenüber Kritik, dem Gefühl, trotz ausreichender Fähigkeiten „hinterherzuhinken“, und manchmal einem „Hyperfokus“ auf etwas Spannendes, bei dem sie die Zeit vergessen. Diese Punkte gehören nicht zu den offiziellen Diagnosekriterien, spielen im Alltag aber eine große Rolle.

Wie unterscheidet sich ADHS von gewöhnlicher Zerstreutheit?

Wir alle sind manchmal abgelenkt, besonders wenn wir müde, gestresst oder unausgeschlafen sind. ADHS unterscheidet sich in drei Punkten:

  • Beginn in der Kindheit: Mehrere Symptome müssen schon vor dem 12. Lebensjahr bestanden haben, auch wenn es niemand bemerkt hat.
  • Beständigkeit: Die Symptome treten nicht nur in einer schwierigen Phase auf, sondern begleiten Sie seit Jahren.
  • Auswirkungen in mehreren Lebensbereichen: Die Schwierigkeiten zeigen sich nicht nur bei der Arbeit oder nur zu Hause, sondern im Beruf, in der Ausbildung, in Beziehungen und im Alltag.

ADHS und Migration

Für viele Iranerinnen und Iraner im Ausland werden ADHS-Symptome nach der Migration deutlicher spürbar. Das Leben in einem neuen Land ist voller Behördengänge, Formulare, Fristen, Termine und Sprachkurse, also genau der Aufgaben, die Planung und Konzentration erfordern. Frühere Stützen, etwa Familienmitglieder, die an Dinge erinnert haben, oder ein vertrauter Arbeitsplatz, fallen weg.

Gleichzeitig können Migrationsstress, Angst, Depression und Schlafmangel ADHS-ähnliche Symptome verursachen. Wenn die Schwierigkeiten also erst nach dem Umzug begonnen haben, kann eine andere Ursache dahinterstecken, und eine fachliche Abklärung wird umso wichtiger.

Wie wird ADHS bei Erwachsenen diagnostiziert?

Kein Bluttest, keine Hirnaufnahme und kein Online-Test kann ADHS allein diagnostizieren. Die Diagnose stellt ein Psychiater oder eine klinische Psychologin nach einer umfassenden Untersuchung, die meist Folgendes umfasst:

  • Ein klinisches Gespräch über die aktuellen Symptome und ihre Auswirkungen auf Ihr Leben
  • Einen Blick auf Ihre Vorgeschichte seit der Kindheit, manchmal mit Schulzeugnissen oder Angaben der Eltern
  • Standardisierte Fragebögen wie die Adult ADHD Self-Report Scale (ASRS)
  • Die Prüfung anderer Erkrankungen, die ähnliche Symptome verursachen oder zusammen mit ADHS auftreten können, etwa Angst, Depression, bipolare Störung, Schlafprobleme und Substanzkonsum

Für einen ersten Eindruck können Sie den kostenlosen ADHS-Test für Erwachsene machen. Er beruht auf Teil A der ASRS der Weltgesundheitsorganisation und dauert etwa zwei Minuten. Das Ergebnis ist keine Diagnose, zeigt aber, ob eine fachliche Abklärung für Sie sinnvoll sein könnte.

Behandlung von ADHS bei Erwachsenen

ADHS lässt sich gut behandeln, und viele Erwachsene erleben nach Diagnose und Behandlung eine deutliche Verbesserung ihrer Lebensqualität. Die Behandlung kombiniert meist mehrere Ansätze:

Medikamente

Stimulanzien und Nicht-Stimulanzien gehören zu den wichtigsten Behandlungen von ADHS bei Erwachsenen und haben in Studien eine gute Wirkung auf die Symptome gezeigt. Verschreibung, Dosierung und Überwachung dürfen nur durch eine Ärztin oder einen Psychiater nach umfassender Untersuchung erfolgen.

Psychotherapie

Kognitive Verhaltenstherapie (KVT), angepasst an ADHS bei Erwachsenen, hilft dabei, praktische Fähigkeiten wie Planen, Priorisieren und Zeitmanagement zu lernen und an Scham, Selbstvorwürfen und negativen Denkmustern zu arbeiten, die sich nach Jahren mit unerkannter ADHS oft entwickelt haben. Mehr dazu: Was ist kognitive Verhaltenstherapie?

Aufklärung und Alltagsstrategien

ADHS zu verstehen, für die betroffene Person selbst wie für Partner und Familie, kann schon allein viele Missverständnisse und Schuldgefühle abbauen.

Praktische Strategien für den Alltag

  • Raus aus dem Kopf: Termine, Aufgaben und Ideen sofort in einen Kalender oder eine Notiz-App eintragen, nicht im Gedächtnis behalten.
  • Große Aufgaben zerlegen: Statt „Steuererklärung machen“ lieber „Gehaltsabrechnungen in einen Ordner legen“.
  • Mit Timer arbeiten: Kurze Arbeitsblöcke, zum Beispiel 25 Minuten mit 5 Minuten Pause, erleichtern den Einstieg.
  • Feste Plätze für Dinge: eine Schale neben der Tür für Schlüssel, Geldbörse und Karten.
  • Externe Erinnerungen: Handy-Erinnerungen für Rechnungen und behördliche Fristen.
  • Auf die Grundlagen achten: ausreichend Schlaf, regelmäßige Bewegung und weniger Alkohol machen die Symptome leichter beherrschbar.

Wann sollten Sie mit einer Fachperson sprechen?

Wenn Ihnen diese Anzeichen bekannt vorkommen, Sie seit der Kindheit begleiten und Ihren Beruf, Ihre Ausbildung, Ihre Beziehungen oder Ihre Finanzen beeinträchtigen, kann ein Gespräch mit einer Fachperson für psychische Gesundheit ein guter Schritt sein. Wenn Sie außerdem anhaltende Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit oder starke Angst erleben, sollte auch das in die Abklärung einfließen.

Bei Emotral können Sie mit persischsprachigen Therapeut:innen über Ihre Erfahrungen sprechen. Wenn Sie in unmittelbarer Gefahr sind, rufen Sie bitte den Notruf an oder besuchen Sie die Seite Sofortige Hilfe.

Quellen

  • American Psychiatric Association. (2022). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (5th ed., text rev.; DSM-5-TR).
  • Faraone, S. V., Banaschewski, T., Coghill, D., et al. (2021). The World Federation of ADHD International Consensus Statement: 208 evidence-based conclusions about the disorder. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 128, 789-818.
  • Kessler, R. C., Adler, L., Ames, M., et al. (2005). The World Health Organization Adult ADHD Self-Report Scale (ASRS). Psychological Medicine, 35(2), 245-256.
  • National Institute for Health and Care Excellence. (2018, updated 2019). Attention deficit hyperactivity disorder: diagnosis and management (NICE guideline NG87).
  • Simon, V., Czobor, P., Bálint, S., Mészáros, Á., & Bitter, I. (2009). Prevalence and correlates of adult attention-deficit hyperactivity disorder: meta-analysis. British Journal of Psychiatry, 194(3), 204-211.