Zum Hauptinhalt springen
Überlebensschuld: Warum Sie das Gefühl haben, es dürfe Ihnen nicht gut gehen, wenn der Iran unsicher ist

Überlebensschuld: Warum Sie das Gefühl haben, es dürfe Ihnen nicht gut gehen, wenn der Iran unsicher ist

mahdis.molaei

Viele Iraner im Ausland erleben in Zeiten von Krise und Unsicherheit im Iran ein tiefes und stilles Gefühl: die Schuld, dass es ihnen gut geht. Dieser Artikel befasst sich mit dem Begriff der «Überlebensschuld», einem Gefühl, das Freude, Ruhe und sogar die Fortführung des Alltags beeinträchtigen kann.

Wenn der Iran unsicher ist und Ihre Familie, Ihre Freunde oder Ihre Landsleute unter schweren Bedingungen leben, kann es Augenblicke geben, in denen es Ihnen plötzlich gut geht: ein beruflicher Erfolg, ein kurzes Lachen, ein ruhiger Abend. Und genau in diesem Augenblick stellt sich das Schuldgefühl ein. Als würde eine Stimme in Ihrem Inneren sagen: «Jetzt ist nicht die Zeit, dass es einem gut geht.»

Diese Erfahrung ist in der Psychologie unter dem Namen Überlebensschuld (Survivor’s Guilt) bekannt: ein Zustand, in dem ein Mensch Scham oder Schuld empfindet, weil er am Leben ist, in Sicherheit ist oder bessere Bedingungen hat als andere. Dieses Phänomen wurde zuerst bei Überlebenden von Kriegen und Naturkatastrophen beschrieben, ist heute aber auch unter Migranten, Menschen im Exil und Menschen, die fern der Krise leben, sehr verbreitet.

Überlebensschuld wird oft mit Mitgefühl verwechselt. Doch gesundes Mitgefühl bringt Verbindung, Überlebensschuld bringt Erstarrung. Mehr zu leiden ist weder ein Zeichen von Moral noch hilft es den anderen. Dieses Gefühl ist das Ergebnis eines Gehirns, das angesichts einer kollektiven Bedrohung die Grenzen der Verantwortung verliert.

In vielen Fällen steht hinter diesem Gefühl eine unbewusste Überzeugung:
«Wenn ich nicht leide, bin ich treulos.»
Dabei zeigt die klinische Psychologie, dass das Weiterleben, die Fürsorge für sich selbst und sogar das Erleben von Freude nicht nur nicht unmoralisch sind, sondern die Voraussetzung dafür, in lang andauernden Krisen seelisch gesund zu bleiben.


Was hilft?

  • Die Erfahrung als «Überlebensschuld» benennen

  • Mitgefühl von Selbstzerstörung unterscheiden

  • Widersprüchliche Gefühle zulassen (Trauer und Freude zugleich)

  • Das Schuldgefühl in eine konkrete und begrenzte Handlung umwandeln

  • Professionelle Unterstützung für die Regulation komplexer Gefühle in Anspruch nehmen


Die Rolle der Therapie

Therapie hilft einem Menschen zu verstehen, welcher Teil des Leids «menschlich und natürlich» ist und welcher Teil ihm selbst schadet. Das Ziel der Behandlung ist nicht, das Gefühl zu beseitigen, sondern das Gleichgewicht und die Erlaubnis, lebendig zu sein, mitten in der kollektiven Krise wiederherzustellen.